Wachausagen von Josef Wichner

Digitaler Reprint aus dem Jahr 1916
(Verlag von K. Österreicher)

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Die Nibelungen in der Wachau.
Der streitbare Mönch.
Markgraf Gerold und seine Töchter.
Wie Luitpold die Ostmark gewann.
Die Eroberung der Eisenburg.
St. Koloman.
Die Legende vom Melkerkreuz.
Die feindlichen Brüder.
St. Wolfgang der Spatzenschreck.
Jakobus im Schnee.
Die Tuchnerklippen bei Gossam.
Das Blümlein Widertod.
Maria Sechsfinger.
Hadmars Gefangennahme.
Das Rosengärtlein auf Aggstein.
St. Albin und die Teufelsmauer.
St. Albin und die Mädchen von Arnsdorf.
Der Schloßgeist von Hinterhaus.
Die Hasen von St. Michael.
Die Gründung von Hartenstein.
Die Schweden vor Hartenstein.
Verborgene Schätze.
Die Völkerwand.
König Richard Löwenherz und der treue Blondel.
Die tapferen Dürnsteiner.
Die goldenen Apostel von Göttweig.
St. Severin in Mautern.
Das Mandl ohne Kopf.
Glossar

 

Liebe Wachaufreund:innen,
und solche, die es noch werden,

es macht mir großen Spaß, in alten Buchhandlungen nach in Büchern verborgenen Schätzen zu suchen. Meistens sind diese Bücher in einer so alten Schrift geschrieben, dass diese heute nur noch schwer zu entziffern ist. In diesem Buch ist es mir gelungen, einen Schatz zu finden, der schon 100 Jahre lang darauf gewartet hat, wiederentdeckt zu werden. Dieser Schatz ist nicht aus Gold und Silber, er besteht überwiegend aus den Geschichten, die Josef Wichner in seinem Büchlein „Wachausagen” zusammengetragen hat.

Über 100 Jahre sind seither vergangen, die beiden Weltkriege und einige kleinere Kriege in Europa waren zur Zeit der Entstehung dieses Buches noch nicht geführt. Einige „Wortschöpfungen” mögen aus heutiger Sicht eigenartig anmuten, von anderen will ich, ja muss ich mich distanzieren, insbesondere sind das die Ansichten über:
– die Kreuzzüge,
– das weibliche Geschlecht,
– das männliche Geschlecht,
– jegliche Religion, die sich selbst über eine andere Religion oder deren Gläubige stellt,
– jeder Form von Deutsch- oder Germanentümmelei,
– und der Charakterisierung einzelner Völker oder Volksgruppen.
Vor allem die an einigen Stellen immer wiederkehrenden Bezüge zu den antiken Stämmen der Germanen ist bestenfalls als „verklärte germanoide Verehrung” zu verstehen. Warum dann überhaupt so ein Buch neu auflegen? Der österreichische Bundespräsident Van der Bellen hat im Mai 2019 in einer Ansprache gesagt: „So sind wir nicht!”. Vielleicht waren wir einmal so, zumindest einige von uns, aber wir haben uns weiterentwickelt. Manchmal wird das erst ersichtlich, wenn klar wird, welcher Weg schon hinter uns liegt, um vielleicht in Zukunft einige schwere Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. So sollen diese Texte immer im Kontext der Entstehungszeit und als ein Kunstprodukt ihrer Zeit gesehen werden.

Wir wissen alle, dass sich die Rechtschreibung hin und wieder ändert und das, was gestern richtig war, ist dann morgen ein Fehler und umgekehrt. Ich habe mich bemüht, die Schreibweise und die Editierung aus der Entstehungszeit des Buches so genau wie möglich zu übernehmen. Vor 100 Jahren hat man einige Worte anders geschrieben, die ß/s/ss – Schreibung war beispielsweise ganz anders und im Buch findet ihr noch einige andere Beispiele mehr. Ich will jetzt nicht sagen, dass es falsch ist, denn damals war es ja richtig, ich möchte gerne sagen: Das Buch ist zu einer Buchstaben-Zeitreisemaschine geworden.
Im Originalbuch gibt es Zeichnungen, deren Urheber nicht zu bestimmen waren, deshalb fehlen sie hier. Die Künstlerin Judith Ressler hat versucht, die Entstehungszeit des Buches im Cover einzufangen. Wer möchte, kann bei ihr auch malen lernen.
http://www.judithressler.at/
Einige Worte sind im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr oder nur sehr selten in Verwendung, deshalb habe ich mir erlaubt, am Ende ein Glossar für „ältere” Wörter einzufügen.

Gehet nun hin und verbreitet Wohlgedanken!
Herzlich,
Euer MelkerMärchenMönch

Vorwort

Schon oft ist der Wunsch nach einer Sammlung der schönsten Sagen und Legenden aus der Wachau ausgesprochen worden. Diesem Wunsche bin ich in dem vorliegenden Büchlein gerne nachgekommen.
Sagen und Legenden können auf verschiedene Art erzählt werden.
Die eine ist die des Forschers. Er verzeichnet das überlieferte Sagengut mit der peinlichsten Genauigkeit, in Schlagworten, im Telegrammstil, und behängt den Text mit gelehrten Erläuterungen. So wertvoll solche Sagensammlungen sind, so tiefe Einblicke sie bis in die werdende Kultur fernster Zeiten gestatten, so gründig sie den geschichtlichen und mythischen Kern ausschälen, weitere Kreise gehen der Arbeit mühsamen Mit- und Nachdenkens aus dem Wege, sie verlangen mühelosen Genuß.

Die zweite Art ist die des Dichters. Ihm ist das überlieferte Gut nur Stoff, den er nach Belieben in diese oder jene Form gießt. Er macht sich kein Gewissen daraus, ihn mit seinen Einfällen so zu umranken, daß man den Ursprung oft kaum mehr zu erkennen vermag.

Ist der Forscher in seinen Aufzeichnungen fast überängstlich, so der Dichter, fast möchte man sagen, gewissenlos. Ist der Forscher in seinen Aufzeichnungen bis zur Kälte trocken, wie ein Operateur scheinbar herzlos, so bedient sich der Dichter einer blumigen Sprache, er vermag aus der einfachsten Handlung einen Roman zu spinnen, und der Leser fühlt im Werke des dichterischen Herzens warmen Schlag.

Ich hielt dafür, zwischen beiden Arten auf der Mittelstraße zu wandeln. Das überlieferte Volksgut war mir heilig. Um es aber weiteren Kreisen zu vermitteln, um die Lust des Lesens zu fördern, gestattete ich mir, völlig im Geiste der Überlieferung, da und dort einige Lichter aufzusetzen. Hiebei handelte es sich meist nur darum, die in der Sage liegende sittliche Idee klarer hervortreten zu lassen und, da jede Sage kindlichen Glauben an ihre Wirklichkeit voraussetzt, mich in etwas an die kindlich-naive Sprache jener leider vergangenen Zeiten anzulehnen, da Frau Poesie noch überall, in der Burg wie in der Hütte, Herberge fand.

Mitten im rauhen Kriegslärm ist dies Büchlein schüchtern zutage getreten. Es hofft, daß mit dem kommenden Frieden die alles überwuchernde Kriegsliteratur sich wieder bescheide, daß in den Menschen die Sehnsucht wieder erwache nach den Künsten des Friedens, die ein erlösendes Aufatmen nach dem schweren Traume des Weltkrieges und nach der Lektüre so vieler mit Blut geschriebener Bücher gestatten. Dann dürfte auch dieses Büchlein den vielen Freunden der Wachau eine willkommene Gabe sein.

Die Nibelungen in der Wachau.

Wer einen festen Glauben hat, der glaubt auch an Zwerge, Riesen und sogar an heidnische Götter. Frau Sage hat diesen Glauben, und also berichtet sie:

In uralten Zeiten lebte ein Zwergkönig namens Nibelung, Sohn des Nebels und der Nacht, eben weil er mit seinem Zwergvolke in nächtlichen Nebelschlüften und unterirdischen Höhlen hauste. Er besaß einen Schatz oder Hort edlen Gesteines und roten Goldes, sechshundert Leiterwagen hätten ihn kaum von der Stelle gebracht, und ward der Hort von seinen Zwergen ständig gemehrt durch Schürfwerk, Glühen und Schmieden. Nibelungen hieß das Zwergvolk von seinem Herrn und König, und Nibelungen in der Folge alle Besitzer des Hortes, so der Held Siegfried, der den Schatz errang, und seine Recken, so Kriemhilde und ihre Diensten, so die Burgundenkönige Gunther, Gernot, Giselher und ihre Mannen.

Zweimal zogen Nibelungen die Donaustraße abwärts ins Heunenland… einmal zu festlicher Hochzeit, einmal zum Tode, und also mag ein Teil des Donautales mit Recht Nibelungengau genannt werden.

Die Hoffnung, mit Rüdigers und König Etzels Hilfe an Hagen, dem Mörder Siegfrieds, Rache nehmen zu können, hatte Kriemhilden bewogen, dem Hunnenherrscher ihre Hand zu reichen, und so bewegte sich denn ein glänzender Zug vom Rheine gen die Donau und stromabwärts nach Wien, wo die Hochzeit stattfinden sollte.

In Passau schloß sich Bischof Pilgrim, Kriemhildens Oheim an, in Bechlarn ward der künftigen Hunnenkönigin überaus ehrender Empfang von Rüdigers Gattin Gotlinde, und bald erreichte man Medelike oder Melk, allwo die Wachau anhebt.
Sintemalen in Medelike keine längere Rast vorgesehen war, brachte man den Gästen den Willkomm- und Labetrunk in goldenen Gefäßen an die Straße, und Astold, Burgherr von Medelike und Etzels Lehensmann, des Weges durch die in jenen Zeiten unheimliche Wachau kundig, erbot sich zum Führer bis gen Mutaren oder Mautern, wo das Tal sich sonnig weitet und die Gefahr eines feindlichen Überfalles weniger zu fürchten war.

Noch gab’s in jenen fernen Zeiten in der Wachau weder Städte noch Dörfer. Nur da und dort hatten ackerbauende Siedler den Urwald gelichtet, einsame Fischer zuckten mit Angel oder Netz das Wassergetier auf, Jäger und wilde Schacher schweiften durch den Tann, auch der Wanderer nicht schonend, die unbehutsam des Weges zogen. Da mochte ein gut Geleite wohl not tun.

Dessen ermangelte Kriemhilde wahrlich nicht. Voran ritt Astold als kluger Weiser mit fünfhundert wohlbewaffneten Mannen Rüdigers, sodann auf weißem Zelter mit güldener Schabracke Kriemhilde, ihr zur Rechten Bischof Pilgrim, zur Linken Rüdiger selbst. Ihnen folgten hundert schöne Maide, der Königin Hofstaat, nach Jugendart in munterem Geplauder Pläne schmiedend, also daß sich manche bereits als glückliche Braut oder gar Fraue eines hunnischen Fürsten oder Königs sah. Den Zug beschloß als Nachhut Markgraf Eckewart mit fünfhundert gewappneten Reisigen.

„Vielliebe Nistel”, sprach da Bischof Pilgrim, „mich will schier bedünken, Ihr wollet den Bund mit Etzel nicht in allzu großer Liebe schließen; denn Euer Mund ist stumm, Euer Antlitz blaß und Euere Augen blicken versonnen ins wilde Wasser des brausenden Stromes, der sich durch dichtes Ufergebüsch und über ragende Klippen schäumend Bahn bricht. Eine glückliche Braut habe ich mir, weiß Gott, anders vorgestellt.”

Kriemhilde, die wohl wußte, daß der Oheim als ein Priester ihre heimliche Rachegedanken schwer mißbilligen würde, erwiderte ausweichend: „Zürnet mir nicht ob meiner Schweigsamkeit; denn ich bin in Sorge, ob ich recht tue, einen Heiden zu ehelichen. Wohl hat König Etzel vor langen Jahren die Taufe empfangen, ist aber seiner Völker wegen, deren nur wenige an Christum glauben, wieder Heide geworden.”

Da lobte der Bischof seine Nistel ob ihrer frommen Gesinnung und vermeinte, ein gutes Weib vermöge gar viel über den Mann, und könne es mit Gottes gnädiger Beihilfe leicht sein, daß sie den König samt seinen Völkern dem wahren Glauben gewänne.

Dem pflichtete auch Rüdiger bei, äußerte sich aber dahin, es gäbe sodann allseits und auch in der Wachau für die Heidenbekehrer der Arbeit in Fülle; denn: „Wisset, vieledle Königin, in diesem Tale herrschen noch mächtig die alten Götter. Agez, der fürchterliche Stromgott, den sie an den nordischen Meeren Aegir nennen, schlägt zur Winterszeit die holde Isa, das Donauweibchen, in Fesseln; auf jenem hochragenden Felsen, der Aggstein geheißen, sitzt die Nixe Ran und lockt durch ihren Gesang die Schiffer ins Verderben; auf den Wogen tanzen ihre neun Töchter den verführerischen Reigen; einst trug hier der Riese Wate dem der Watstein heilig, seinen und Wachhildens Sohn Wieland über den Strom, auf daß er bei den Zwergen des Schwerterschmiedens kundig werde; über das Tal schüttelt Frau Holle ihr Bett, daß die Federn fliegen, und späht in den Gehöften nach den Spinnerinnen; im Gewittersturme braust Wuotans wilde Jagd durch ragende Schluchten; im Aggswald und im Schreckenwald stehen Opfersteine, nicht nur von Tierblut gerötet.”

Entsetzt über soviel Heidentum in der Stromenge, bekreuzte sich der Bischof und murmelte das Gebet der Absage: „Ich widersage dem Teufel und allem Teufelsopfer. Ich widersage allen Werken und Worten des Teufels. Ich widersage Donar und Wodan und Saxnot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind… Amen.”

Unter solchen und ähnlichen Gesprächen gelangten die Reisenden ins lichte Mautern und nach etlichen Stunden in die Burg Treisenmauer, wo sich der Bischof von seiner Nistel mit vielen Segenswünschen und väterlichen Mahnungen verabschiedete, um wieder an seinen Sitz nach Passau zurückzukehren.

Dies war der erste Zug der Nibelungen oder der rechtlichen Herrin des Hortes durch die Wachau.

Der zweite Zug aber, der die Burgunden in den Tod führte, fand dreizehn Jahre später statt.

Gegen Hagens Rat waren die königlichen Brüder der heimtückischen Ladung gefolgt. Mit mehr als tausend Rittern und neuntausend Knechten machten sich die Nibelungen auf die Fahrt. Ein letzter Lichtblick ward ihnen in Bechlarn, allwo sie volle sieben Tage der erquickenden Rast pflegten. Auf weitem Plane wurden Hütten und Zelte aufgeschlagen, und was immer die wegmüden Recken an guter Speise und erfrischenden Trankes bedurften, das ward ihnen in unerschöpflicher Fülle aus des milden Markgrafen Küche und Keller. Die Könige aber wurden in der Burg selbst wahrhaft fürstlich bewirtet. Sie erlusteten sich auf dem gen die Donau erbauten Söller, pflegten im weiten Saale des köstlichen Mahles und lauschten dem Liede Volkers, des meisterlichen Sängers. So reihte sich Fest an Fest; den Abschluß aber bildete im Kreise der Mannen die feierliche Verlobung Giselhers mit des Burgherrn liebreizender Tochter Dietlinde. So schied man mit Heilwünschen und der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen. Nach der Rückkehr sollte die Hochzeit stattfinden und Giselher sein junges Weib nach Burgundenland geleiten… Frau Saelde, die Glücksgöttin, schien goldene Zukunft zu verheißen.

Aber bald deckten dunkle Wolken den Himmel, Blitze zuckten herab, gar ungastlich war der Empfang an König Etzels Hof. Nicht lange, so ertönte statt herzerhebenden Sanges Schwerterklang, prasselte brennendes Feuer, den Gästen ward bittere Not und weher Tod… kein Nibelunge sah je die Heimat am Rheine wieder.

Der streitbare Mönch.

Dort, wo sich heute der Prachtbau des Stiftes Melk auf hohem Fels in den Fluten der Donau spiegelt, stand, wie die Sage meldet, vor Zeiten die vom wilden Ungarkönig Gizzo erbaute Eisenburg. In ihren Gemarkungen soll ein Kloster gewesen sein, dessen Mönche von einem ihrer Mitbrüder viel zu leiden hatten. Ilsan hieß der nicht wenig gefürchtete Mönch. Der hatte in seinen jungen Jahren als kühner Recke gar manchen Strauß bestanden, war wie ein Sturmwind über halb Europa dahingebraust und gedachte nun, da der Schnee auf seinem narbenreichen Haupte nicht mehr schmelzen wollte, seine Sünden, woran es bei solch einem Welt- und Kriegsleben nicht mangelte, im Kloster abzubüßen. Allein Natur und lange Gewöhnung lassen sich nicht so leicht umkehren wie etwa der Balg einer Katze, und so hatte er sein Streitgewand und sein gutes Schwert mit in seine Zelle genommen und trug die Mönchskutte über der Rüstung, daß es gar unheimlich klirrte, wenn er wuchtig durch die widerhallenden Klostergänge schritt. Gar schwer empfanden die Brüder seine derbe Art und die zu Schlägen stets bereite Faust, entsetzten sich nicht wenig, daß er öfter den Teufel als den lieben Gott im Munde führte, und ihr täglich Gebet war: „Erlöse uns von den Übeln, insbesondere von dem schlimmen Bruder Ilsan, Amen!” Es war der Ilsan eben ein Häferl, das bald übergeht, und wenn er sich auch noch so oft vornahm, ein geduldiger Job zu sein, so kam der alte sündige Adam doch immer wieder zum Vorschein.

So war Ilsan seinen Brüdern verhaßt. Nur der fromme Abt nahm sich des allfort rückfälligen Büßers an; denn er hoffte, den wilden Wolf mit Zeit und christlicher Geduld sowie vielem Zuspruch und etlicher Poenitenz oder Strafe doch noch in ein zahmes, Gott gefälliges Schäflein verwandeln zu können.

Nun begab es sich, daß König Dietrichs, des Berners, beste Recken, von ihm selbst geführt, an der mittleren Donau zusammenkamen, um gen Worms am Rheine zu ziehen und sich mit König Gibichs Helden im Kampfspiele zu messen. König Gibichs Tochter, die schöne Kriemhilde, um deren Herz und Hand sich eben hürnen Siegfried bewarb, hatte nämlich an die Berner die Aufforderung zum Kampfspiele ergehen lassen und als Preis für jeden Sieger einen Kuß von ihrem holdseligen Munde und einen Kranz aus ihrem Rosengarten festgesetzt. Da wäre es wohl eine Schande gewesen, wenn die Berner gezögert hätten, sich den Burgunden zu stellen. Mit zwölf Wormser Helden mußte den Bedingungen gemäß gekämpft werden, die Berner aber brachten nur ihrer elfe zusammen.

Da erinnerte sich der alte Hildebrand, König Dietrichs treuester Vasall und väterlicher Lehrer im Waffenhandwerke, des Mönches Ilsan als seines Bruders und vermeinte, daß selber die helle Freude am Schwertschlag auch in der Kutte nicht gänzlich verachten möchte und daß die Kraft des Armes beim Psallieren nicht völlig geschwunden sei. Ließ ihn also vor die Pforte kommen, und es war ein leichtes, ihn zu dem Abenteuer zu bereden.

So zog denn der streitbare Mönch, nachdem er sich die Erlaubnis des Abtes erzwungen hatte, mit der reisigen Schar gen Worms, bereit, seinen „Predigerstab”, wie er sein Schwert nannte, mit dem „Fidelbogen” des Ritters und Sängers Volker von Alzei zu kreuzen. In den nun folgenden Kämpfen blieben die Berner durchwegs Sieger, ja König Dietrich bestand sogar den Siegfried, nachdem er dessen Hornhaut mit aus seinem Munde sprühenden Feuerflammen erweicht hatte.

Ilsan, der den Fiedler vom Rosse geworfen hatte, begnügte sich jedoch nicht mit einem Kranze. Er hatte bei seinem Scheiden jedem seiner zweiundfünfzig Brüder ein wonnig Kränzlein versprochen, und so streckte er noch zweiundfünfzig Gegner in den Sand. Der Kriemhilde aber rieb er, als Mönch der Küsse wenig achtend, die zarten Wänglein so heftig, daß ihr rosenfarbenes Blut in die Blumen floß. So durch Schaden belehrt, unterließ es die Maid, je wieder Recken in ihren Rosengarten einzuladen.
Als Ilsan zum Entsetzen seiner Brüder ins Kloster Eisenburg zurückkehrte, drückte er jedem die dornigen Kränze mit rauher Hand auf die geschorene Platte, und als sie sich weigerten, seine Sünden zu büßen, band er, wie an einem alten Bilde zu ersehen, je zwei an den langen Bärten zusammen und hängte sie über eine Stange.

Ob der streitbare Mönch späterhin doch ein Lämmlein wurde, darüber schweigt die Geschichte.

 

Diese Ausgabe der Wachausagen von Josef Wichner ist auch als Hörbuch erschienen und kann hier bestellt werden.

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Publiziert am
Name des Autors: Josef Wichner (1852 – 1923)
Titel: Wachausagen
Herausgeber, Vorwort & Glossar: Thomas Horwath
Illustration & Cover: Judith Reßler
https://www.judithressler.at/
ISBN 978-3-903037-50-2

Die Ausgabe dieses E-Books: Wachausagen von Josef Wichner, bezieht sich auf die Originalausgabe von: Wichner, Josef. Wachausagen. Erzählt und allen Freunden der goldenen Wachau gewidmet von Josef Wichner. Verlag von K. Österreicher. Krems an der Donau, 1916.

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